Mercedes-Benz C-Klasse: Überraschung

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Erstaunlich viele Komplimente hatte die neue C-Klasse schon von ihrem ersten Messeauftritt im Januar dieses Jahres in Detroit gehört. Manche klangen widerwillig. Gerade bei der kleinsten der klassischen Mercedes-Benz-Limousinen mit Heckantrieb hatten viele den Stuttgartern den Abschied vom bisher braven und eher biederen Stil nicht zugetraut. Doch jetzt, da wir den intern W 205 genannten Neuen zum ersten Mal fahren, nimmt das Erstaunen eher zu.

Nichts ist geblieben vom „Baby-Benz“ von 1992. Und das liegt nicht nur an den gewachsenen Außenmaßen. Auch wäre es zu kurz gesprungen, der neuen C-Klasse nur zu attestieren, sie sei erwachsener geworden. Sie ist erwachsen, weil sie zu einer kleinen S-Klasse heranreifte, in der auch fast alle Systeme für Fahrerassistenz, Komfort, Sicherheit und Kommunikation ihren Platz haben, wenn auch zu einem großen Teil nur gegen Aufpreis. Für uns in Europa bedeutet Luxus immer auch Größe. Die Amerikaner sind da schon weiter. Die werden auch die neue C-Klasse als „Luxury car“ einordnen.

Gefragt, wo er denn nun den Unterschied zur E-Klasse und zur S-Klasse sehe, antwortet Thomas Weber, der Daimler-Vorstand für die Konzernforschung und die Entwicklung bei Mercedes-Benz Cars verantwortlich, sehr kurz: „Es ist die Länge.“ Der Raum in den Fahrzeugen nehme mit den 20-Zentimeter-Schritten zur E- und zur S-Klasse zu. In diesen Zahlen steckt auch Charakterisierung des Neuem – eine kleine S-Klasse eben. Im Ton des neuen Selbstverständnisses der Stuttgarter bringt Weber es auf diesen Punkt: „Das ist die beste C-Klasse, die wir je hatten.“

Nun, einen Spruch wie diesen hören wir bei vielen Neuvorstellungen. Doch nach den ersten Fahrten durch die Landschaft rund ums französische Marseille ist uns klar: Diese C-Klasse wird mit ihrem Design, ihrem Fahrverhalten, den Technologien an Bord und den angebotenen Motoren ihr Segment gehörig aufmischen.

Beginnen wir mit dem Design. Die Truppe um Designchef Gordon Wagener hat für den neuen Stil den Begriff der „sinnlichen Klarheit“ geprägt und beschreibt die C-Klasse als markant, dynamisch und sinnlich. Mutig, für ein Unternehmen wie Mercedes-Benz. Um aber die bisherigen Freunde des Hauses nicht zu verschrecken und dennoch neue anzusprechen, gibt es die C-Klasse mit zwei Gesichtern: als „Exclusive“ mit klassischem Kühler und Stern auf der Haube und als „Avantgarde“ mit dem großen Stern zwischen zwei Spangen im Kühlergrill. Bemerkenswert, wie diese scheinbar kleinen Retuschen den Charakter der Karossen verändern. Wem die Distanz zum normaleren Daimler-Outfit noch nicht groß genug ausfällt, der kann sich mit AMG-Line noch weiter absetzen.

Früher fiel es deutlich leichter, über das Daimler-Design zu streiten. Heute muss man konstatieren: Er sieht gut aus, was er auch seinen Proportionen und dem längeren Radstand verdankt. Auch die breiten Schultern setzen einen Akzent, der auf sportliche Eigenschaften hinweist.

Innen setzt sich das Staunen fort, sogar verstärkt. Konnte man bisherige Cockpits in der C-Klasse als bemüht beschreiben, so darf man das aktuelle nun als gelungen bezeichnen. Auch hier breiten sich die die bereits zitierte kultivierte Sportlichkeit aus: edle Materialien bis hin zum mit der Ledernachbildung Artico bezogenen Oberteil der Armaturentafel im aktuellen Wrap-around-Look, das kleine, dicke Lederlenkrad mit Funktionstasten und den Paddeln für die Handarbeit mit dem Getriebe, die hochwertigen Materialien, die fein gezeichneten Instrumente, der große, aufgesetzte Bildschirm und die fünf kreisrunden Belüftungsöffnungen, alles mit Liebe zum Detail gut verarbeitet. Bei den Versionen mit der Sieben-Gang-Automatik und Holzzierteilen bleibt auf der großen Mittelkonsole auch Platz für die inzwischen typische Analoguhr.

In die C-Klasse zieht nun auch die Handauflage über dem Dreh-Drück-Steller ein, deren Oberfläche als Touchpad auch Schriftzeichen akzeptiert und über Berührung Funktionen steuert. Und als Dreingabe gibt es noch ein bisschen mehr Knieraum für die Fondpassagiere und für alle Insassen ein erstaunlich niedriges Fahrgeräusch.

Damit sind wir bei der Technik und beginnen mit der Karosserie. Die Rohkarosse wiegt 70 kg weniger als die des Vorgängers. Trotz leicht gestiegener Außenmaße bringt der Neue mit rund 1450 kg bis zu 100 kg weniger auf die Waage, was sich beim Beschleunigen, bei der Fahrdynamik und beim Verbrauch positiv auswirkt. Für die Qualität der Arbeit der Aerodynamiker spricht der Luftwiderstandsbeiwert von 0,24, ein Klassenbestwert. Die höhere Verwindungssteifigkeit der Karosserien bringt die neue Vier-Lenker-Vorderachse und die Direktlenkung zur Geltung. Die Lenkung spricht spontaner an; die C-Klasse lässt sich deutlich agiler bewegen.

Die zwei Gesichter der C-Klasse – Exklusiv und Avantgarde – kann man auch beim Fahren spüren, wenn man die Fahrwerkseinstellungen nutzt. Bei der zum ersten Mal in einer C-Klasse eingebauten Luftfederung Airmatic lässt sich die Limousine vom sehr komfortbetonten, weichen Federn bis hin zu sportlichem Antritt einstellen. Die Fahrmodi wirken sich natürlich auch auf das Ansprechverhalten des Gaspedals und die Schaltcharakteristik des Sieben-Gang-Automatik „7G-Tronic Plus“ aus. Wem diese Speizung noch nicht reicht, der kann sich auch seine ganz persönliche C-Klasse einstellen.

Natürlich gibt es auch den Sparmeister. Das ist ein neuer Dieselmotor mit 85 kW / 115 PS. Zwei weitere Zwei-Liter-Diesel leisten entweder 150 kW / 204 PS oder im C 220 Bluetec 120 kW / 204 PS. Drei Benzinmotoren bieten Leistungen zwischen 115 kW / 156 PS bis 180 kW / 245 PS an. Später folgt ein Sechszylinder mit 245 kW / 333 PS und als Diesel-Hybrid der C 350 Hybrid mit Plug-in-Technik. Heute schon kann man den Mildhybrid C 300 Hybrid mit 150 kW / 204 PS Benziner- und 20 kW / 27 PS Elektromotorleistung erwerben, der mit einem Normverbrauch von 3,6 Litern angegeben wird. Alle Triebwerke erfüllen Euro 6 und verfügen über ein Start-Stopp-System. Sie sollen bis zu einem Fünftel weniger verbrauchen.

Das Spektrum der Assistenzsysteme lässt keine Wünsche offen: Die Müdigkeitserkennung und der Auffahr-Unfall-Verhinderer „Collision Prevention Assist plus“ sind Serie. Die Aufpreisliste eröffnet den Zugriff auf alles, was die S-Klasse auch enthält, bis hin zum Head-up-Display. So kann man auch mit der C-Klasse schon den Einstieg in das autonome Fahren erleben, und natürlich alle Freuden des Internets: Konnektivität, Hotspot, Apps und vieles mehr.

Die C-Klasse wird am kommenden Sonnabend (15. März) bei den Händlern stehen, zusammen mit dem ebenfalls neuen GLA. Aber schon seit den Messen in Detroit und Genf tickt die Uhr für die anderen Premium-Hersteller. Sie werden sich Einiges einfallen lassen müssen. Die klassische Differenzierung – Mercedes kann Komfort, die anderen Sportlichkeit – klappt nicht mehr, zumal sich Mercedes-Benz mit dem Einstiegspreis von 33 558 Euro für den einfachsten C 180 nicht oben einsortiert. (ampnet/Sm)

Daten Mercedes-Benz C220 Bluetec

Länge x Breite x Höhe (m): 4,69 x 1,81 x 1,44
Motor: R4-Diiesel, 2143 ccm, Turbo, Direkteinspritzung
Leistung: 125 kW / 170 PS von 3000 – 4200 U/min
Max. Drehmoment: 400 Nm von 1400 – 2800 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 234 km/h
Beschleunigung 0 auf 100 km/h: 7,7 Sek.
Verbrauch (nach EU-Norm): 4,0 Liter
CO2-Emissionen: 103 g/km (Euro 6
Effizienzklasse: A+
Leergewicht / Zuladung: 1550 kg / 565 kg
Kofferraumvolumen: 480 Liter
Wendekreis: 11,22 m
Räder / Reifen: vorn 6,5J x16 / 205/60 R 16
Luftwiderstandsbeiwert: 0,24
Basispreis: 38 675 Euro

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