Exklusiv Eine Viper soll geschlachtet werden

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Professoren und Studenten der Fakultät für Automobiltechnik am South Puget Sound Community College in Olympia, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Washington, befinden sich seit zwei Wochen im Schock. Hochschullehrer Norm Chapman kann die Nachricht noch immer nicht so richtig fassen: „Das war wie beim Attentat auf Kennedy – diesen Tag wird man bis zu seinem Lebensende immer in Erinnerung behalten und wissen, was man gerade gemacht hat, als die Nachricht eintraf.“ Die Nachricht, die Chapman ebenso erschütterte wie seine Schüler, kam aus dem fernen Sterling Heights im US-Bundesstaat Michigan, dem Sitz von Chrysler, wo Steven Glasco für jene Autos zuständig ist, die das Unternehmen für Lehrzwecke an Universitäten weiterleitet. In einem Brief forderte Glaco das College ultimativ auf, den von Chrysler gestifteten Wagen innerhalb von zwei Wochen zu verschrotten. Eine Erklärung für den barschen Befehl gab es nicht.

Dass Automobilunternehmen Schulen und Hochschulen mit Fahrzeugen versorgen, damit die angehenden Mechaniker oder Ingenieure Praxis erproben können, ist weltweit üblicher Standard. In den meisten Fällen bleibt dabei der Wagen juristisch gesehen in der Verfügungsgewalt des Spenders. Das können beschädigte oder fahruntaugliche Vehikel sein, Autos, die keine Chance auf eine Zulassung haben oder unverkäuflich sind, aber manchmal auch ganz normaler Pkw. Das College in Olympia verfügt zum Beispiel über 20 solcher Übungsobjekte, darunter freilich ein ganz besonderes, das jetzt vom Bannstrahl getroffen wurde.

Es handelt sich um den Prototypen einer Dodge Viper GTS aus dem Baujahr 1992, der vierten Viper überhaupt, die Chrysler auf die Räder stellte, und die nie für den Straßenverkehr und auch nicht für den Verkauf gedacht war. Sie verfügt weder über Abgaskontrolle noch Geschwindigkeitsbegrenzer, dafür aber über ein Hardtop, das für die spätere Viper erst 1996 in Serie ging. Die typisch amerikanisch unmäßigen Fahrleistungen lassen konkurrierende Sportwagen lahm aussehen: Zehn Zylinder mit acht Litern Hubraum, 600 PS, von Null auf 100 in etwas mehr als vier Sekunden, Kunststoffkarosserie, 394 Meilen von Fahrten auf dem Prüfstand auf dem Tacho. Wert: um die 250 000 US-Dollar. So viel hätte US-Talkmaster Jay Leno bezahlt, der vergeblich versucht hatte, die Viper für seine berühmte Autosammlung zu kaufen.

„Ein wunderbares Auto“, schwärmt Student Mike Murphy. Zusammen mit seinen Kommilitonen Cierra Thomas und Stormy Hudson will er eine Petition an Steven Glasco mit der Bitte um Verschonung der Viper senden. Doch größere Chancen räumen ihm seine Professoren nicht ein, denn inzwischen hat sich der Grund für das Todesurteil aus Michigan herumgesprochen. Von den insgesamt 92 Viper-Exemplaren, die Chrysler insgesamt landesweit an unterschiedliche Institutionen ausgeliehen hatte, waren einige verbotenerweise auf öffentlichen Straßen unterwegs und hatten schwere Verkehrsunfälle verursacht. Die Schadenersatz-Forderungen gegen Chrysler und damit seit der Fusion auch gegen Fiat erreichen Millionenhöhe. „Das ist aber doch kein Grund für eine Kollektivstrafe“, jammert Murphy.

„Für die Ausbildung unserer Studenten ist die Viper nicht so wichtig“, gibt Professor Norm Chapman zu. „Die wenigsten von ihnen werden später mit so einem speziellen Sportwagen in Berührung kommen. Doch die Faszination, die von der Viper ausgeht, tat dem College-Renommee stets gut. Wo auch immer der Wagen ausgestellt wurde, wollte sich Leute mit ihm fotografieren lassen.“ Seiner Meinung nach gehört der Sportwagen ins Museum statt in den Schredder. „Meine Schüler werden den Wagen waschen und ihn so auf seinen letzten Gang vorbereiten“, sagt der Professor. „Ich kann ihn dabei nicht begleiten. Für mich ist die Viper so etwas wie ein geliebtes Haustier.“ (ampnet/hrr)

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